Cover: Das Schlachten beenden

Rezension: Das Schlachten beenden

Cover: Das Schlachten beenden!
Das Schlachten beenden. Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, pazifistische, feministische und linkssozialistische Traditionen

„Das Schlachten beenden. Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, pazifistische, feministische und linkssozialistische Traditionen“ eröffnet einen für ungewohnten Blick auf ein progressives Verständnis von Tieren oder der Kritik an der Gewalt an Tieren.

Häufig ist Aktivist*innen nicht bewusst, dass es auch vor den aktuell diskutierten Theorien progressive Akteur*innen gab, die fortschrittliche Positionen im Umgang mit nicht-menschlichen Tieren einnahmen. Das 2011 im Graswurzel erschienene „Das Schlachten beenden“ ist ein wichtiger Beitrag um das Wissen um die Historie der Tierrechtsbewegung auszubauen.

Der Sammelband stellt die folgenden Personen und Organisationen vor: Leo Tolstoi und die „Duchoborzen“, Elisée Reclus, Magnus Schwantje, Clara Wichmann und Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK). In jedem dieser Kapitel gibt es einen Einleitungsartikel und einen Text der historischen Person oder Organisation. Abgerundet wird das Buch durch den Artikel „Die Idee der Tierrechte. Eine historische Spurensuche“. Dieser Aufbau macht das Buch abwechslungsreich und ideal für Einsteiger*innen.

Aus dem Inhalt

Zunächst wird in drei Abschnitten die Bedeutung des christlichen Anarchisten Leo Tolstoi hervorgehoben. Vor allem im ersten Abschnitt erfahren die Leser*innen viel über das Leben Tolstois, seinen Gewaltverzicht, die Ablehnung des Militärdienstes und seine Bedeutung für die vegetarische Bewegung. Der mittlere Abschnitt ist der Schlussabschnitt aus Tolstois „Die Fleischesser“, welcher ebenfalls sehr leswenswert ist. Der letzte Abschnitt behandelt die vegetarische Gemeinde der Duchoborzen, auf die Tolstoi einen wesentlichen Einfluss hatte.

Auch Elisée Reclus verstand sich als Anarchist und wird vom Autor des Textes „zum erweiterten Kreis der KlassikerInnen der anarchistischen Bewegung“ gezählt. Der erste Text gibt einen kurzen Einblick in die Lebensstationen und Ansichten des Geographen Reclus, deutlich wird hier, dass Anarchismus und Vegetarismus von einigen Akteur*innen von Beginn an zusammengedacht werden. Im anschließenden Text schildert Reclus sehr eindrücklich zunächst eine Kindheitserinnerung, ein Besuch im Schlachthof, um dann seine Kritik am herrschenden Tier-Mensch-Verhältnis in aller Kürze auszubreiten.

Magnus Schwantje (1877-1959) war Aktivist und Schriftsteller. Er war es, der den Ausdruck „Ehrfurcht vor dem Leben“ erfand und diesen mit sehr viel weitgehenderen Forderungen als Albert Schweitzer verknüpfte, der fälschlicherweise als Erfinder dieses Ausdrucks gilt. Schwantje gründete den Bund für Radikale Ethik und sah einen Zusammenhang zwischen der Gewalt unter Menschen und der Gewalt an Tieren. Er war der 1. für die Tierrechte herumreisende Aktivist in Deutschland und hielt sehr viele Vorträge. Er sah sich als Sozialist und stand der USPD nah.

Bereits 1920 schrieb die Anarchistin, Frauenrechtlerin und Rechtsanwältin Clara Wichmann den Text „Die Rechtsstellung der Haustiere“ und zeigt die ökonomische Abhängigkeit der Haustiere von den Menschen auf. Sie bezeichnet die Ansicht mit Tieren sei wie mit Sachen zu verfahren als Fiktion und argumentiert als eine der ersten für ein Vormundschaftsrecht, statt einem Eigentumsrecht, gegenüber den Tieren. Sie stellt zudem die auch heute noch kaum behandelte Frage auf, ob Tiere Eigentum besitzen können.

Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) war eine Ausbildungs- und Agitationsorgainisation des Göttinger Philosophen Leonard Nelson. Für den ISK gehörte der Kampf für Tiere zu dem Kampf für einen ethischen Sozialismus dazu, daher gab es im ISK „vegetarische Prinzipien“. Dazu gehörte die vegetarische Ernährung, mehrmalige Besuche von Schlachthöfen vor der Aufnahme in die Gruppe sowie die Vegetarischen Gaststätten (VEGAS). Diese halfen die Widerstandsarbeit gegen die Nazis zu finanzieren, sie boten den mit Berufsverboten belegten Aktivisten als Arbeitsstätte und wurden als Treffpunkt des Widerstands genutzt und dienten zum Teil als „CopyShop“ für Texte. Die Mitglieder des ISK wurden angehalten, sich in politischen Parteien (USPD/SPD/KPD), Gewerkschaften und weiteren Organisationen zu betätigen.

Nach Nelsons frühem Tod war Willi Eichler Vorsitzender des ISK. Im Sammelband „Das Schlachten beenden“ ist Willi Eichlers Essay „Sogar Vegetarier (1926)“ abgedruckt, in dem Willi die Zusammenhänge der gesellschaftlichen Ausbeutung in sehr klarer und schöner Sprache darstellt. Willi Eichler war nachdem 2. Weltkrieg für einige Jahre als SPD-Abgeordneter im Bundestag, 22 Jahre im SPD-Bundesparteivorstand. Er gilt als „Cheftheoretiker der Nachkriegs-SPD“ und hat als Vorsitzender der Programmkommission das Godesberger Parteiprogramm ganz wesentlich mitentwickelt.

Übrigens: Unter anderem in den „Erinnerungen“ von Willy Brandt wird von einer Übereinkunft Kurt Schuhmachers (SPD-Parteivorsitz) u.a. mit Willi Eichler berichtet, nach welcher auch die Zugehörigkeit zum ISK „als durchgehende sozialdemokratische Mitgliedschaft gerechnet würde“.

Schlussbemerkungen

Wer sich mit den historischen anarchistischen, pazifistischen, feministischen und linkssozialistischen Aktivitäten und progressiven Ansichten über Tiere auseinandersetzen will sollte sich dieses Buch besorgen. Insbesondere wer mehr über sozialistische oder SPD-nahe Personen und Organisationen erfahren will findet wohl keinen passenderen Einstieg. Für uns als Sozialdemokrat*innen fehlt lediglich der Abdruck des Büffelbriefes von Rosa Luxemburg, sowie die Diskussion August Bebels über den Vegetarismus in „Die Frau und der Sozialismus“, aber diese Texte können auch an anderer Stelle gefunden werden und hätten auch, zumindest der zweite, nicht recht in das Konzept gepasst.

Das Buch hat 192 Seiten und ist für 14,90 Euro unter der ISBN 978-3-939045-13-7 zu beziehen, z.B. bei RootsOfCompassion.
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1. Einleitung

Die Idee der Tierrechte
Eine historische Spurensuche
Renate Brucker

2. Leo Tolstoi und die „Duchoborzen“

Tolstoi als Kritiker der Gewalt
Johann Bauer

Leo Tolstoi (1892)
Die Fleischesser / Die erste Stufe (Schlussabschnitt)

Karl Bartes (1931)
Die Duchoborzen in Rußland und Canada

3. Elisée Reclus

Der Anarchist Elisée Reclus
Lou Marin

Elisée Reclus (1901)
Zur vegetarischen Lebensweise

4. Magnus Schwantje

„Ehrfurcht vor dem Leben“
Der Pazifist, Sozialreformer, Vegetarier und Tierrechtler Magnus Schwantje (1877-1959)
Renate Brucker

Magnus Schwantje (1916)
Tiermord und Menschenmord, Vegetarismus und Pazifismus

5. Clara Wichmann

Clara Wichmann zur Rechtsstellung der Tiere
Renate Brucker

Clara Wichmann (1920)
Die Rechtsstellung der Haustiere

6. Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK)

Eine sozialistische Organisation mit vegetarischen Prinzipien im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
Der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK), seine direkten Aktionen und die Funktion seiner vegetarischen Gaststätten
Lou Marin

Willi Eichler (1926)
„Sogar Vegetarier?“
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  1. Quelle: http://www.graswurzel.net/verlag/vege.shtml []
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