Grußwort bei Jusos Hessen: „Gilt unser Kampf nicht vielmehr der Ausbeutung überhaupt?“

Auf der Landeskonferenz (5.-6. September 2015) der Jusos Hessen hat Stefan für uns folgendes Grußwort gehalten.

Liebe Genoss*innen,

Stefan_u2über eure Einladung zur Landeskonferenz haben wir uns sehr gefreut. Sozis für Tiere und Hessen, das passt. Nicht nur, dass ein erheblicher Teil der Sozis für Tiere in der SPD und bei den Jusos in Hessen aktiv ist. Wir haben uns auch 2014 in Frankfurt gegründet, in diesem Jahr Workshops in Kassel-Stadt und in Gießen gegeben, waren für einen Workshop in Kassel-Land eingeplant, haben uns an einem Workshop bei der Basiskonferenz der Jusos-Hessen beteiligt und werden im November erstmals bei einem Landesparteitag mit einem Infostand vertreten sein.

Es passt aber auch deshalb, weil der Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) in Melsungen sein Erziehungsheim hatte, aber auch in Frankfurt mit einem Ortsverein vertreten war. Der ISK, sicherlich in einigen Aspekten zu kritisieren, hat eine radikale sozialistische und sozialdemokratische Kritik an der Ausbeutung von Tieren formuliert. Ich zitiere aus dem Essay „Sogar Vegetarier“ aus dem Jahre 1926, geschrieben von Willi Eichler, dem „Cheftheoretiker der Nachkriegs-SPD“, um euch diese auszugsweise bekannt zu machen:

Rufen wir Proletarier etwa nach einer humanen Ausbeutung? Oder gilt unser Kampf nicht vielmehr der Ausbeutung überhaupt? Gilt er aber der Ausbeutung überhaupt, dann dürfen wir auch nicht selbst ausbeuten; im Gegenteil: gerade die Ausgebeuteten selbst sind am ehesten in der Lage, die Qualen der Tiere nachzufühlen. Sieht man aber diese Qualen – und man sieht sie, wenn man die Augen aufmacht –, dann ist man auch verpflichtet, sie abzustellen, wenigstens so weit, wie man im Augenblick dazu in der Lage ist.

Liebe Genossinnen und Genossen, nun Frage ich euch heute: In welcher Lage sind wir? Was können wir im privaten tun? Was im politischen?

Die Geschichte der politischen Linken ist im Übrigen voll von kritischen Auseinandersetzungen mit dem Thema Tierausbeutung und einer praktischen Solidarität mit Tieren und wer mehr darüber erfahren will, findet im Büchlein Antispeziesismus der Theorie.org Reihe eine gute Übersicht. Es liegt neben anderen Büchern auf meinem Platz.

Wir wollen wieder ein paar Jahre nach vorne gehen. Noch im Wahlprogramm von 1998 hieß es lediglich, kein Witz, „Wir wollen den Tierschutz verbessern“. Seitdem hat sich jedoch qualitativ und quantitativ einiges getan. Betrachten wir nur das letzte Regierungsprogramm, das Positionspapier der Bundestagsfraktion zur Tierschutzgesetz-Novellierung, aber auch eure Anträge an diesem Wochenende.

Für uns als Sozis für Tiere ist allerdings klar: Wir wollen und müssen grundsätzlich werden und an die Tierproduktion und an den Tierkonsum ran. Deshalb haben wir uns auch sehr darüber gefreut, dass sich die Juso-Hochschulgruppen in diesem Jahr u.a. für eine Verminderung des Fleischangebotes in Höhe von 40% in den nächsten 2 Jahren in den Mensen der Studierendenwerke ausgesprochen haben. Eine Richtung übrigens, die auch Nachhaltigkeits-Expert*innen empfehlen.

Ich will ehrlich sein: Dies ist ein Meilenstein! Wir haben zwar begonnen uns intensiver und kritischer mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, viele weiterführende Fragen wurden jedoch noch nicht gestellt, viele Antworten noch nicht gegeben, viele Diskussionen noch nicht geführt. Das gilt für die SPD, das gilt aber auch für die Jusos.

Nur um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Sind Tiere Ware und Eigentum? Oder empfindende Lebewesen, wie es im letzten Grundsatzprogramm der SPD steht?
  • Was ist unser theoretischer Ansatz? Konservativer Tierschutz? Tierrechte? Tierbefreiung? Antispeziesismus?
  • Wollen wir Begriffe wie Tierrechte zu Tierschutzgesetze verdrehen, ohne das Paradigma Tierrechte diskutiert zu haben? – Ich halte das im übrigen für gefährlich –
  • Welche Rolle spielt der Kapitalismus für die Tierausbeutung?
  • Ist die Subventionierung von Tierprodukten Bevormundung? Was wäre eine massive Unterstützung für pflanzliche Ernährung? Werden wir zu Tierkonsument*innen gemacht – Ist Fleisch Norm?
  • Ist die Einsperrung von Tieren Bevormundung?
  • Wie kommen wir von den Tierfabriken weg? Reicht flächengebundene Landwirtschaft und Umstellung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU oder braucht es auch eine starke Unterstützung einer Landwirtschaft, die ohne Tiere auskommt?
  • Wie können wir Menschen die in Tierfabriken arbeiten eine Alternative bieten?
  • Seit Jahren setzt sich die SPD für die Abschaffung von Wildtierzirkussen ein. Wieso eigentlich nur von Wildtieren? Und welche Perspektiven bieten wir Dompteuren an?
  • Die schwedische Sozialdemokratie denkt, allerdings primär aus Umweltschutzgründen, über eine Fleischsteuer nach. Wie wollen wir es mit einer Fleischsteuer halten?

Insofern ist alles nur ein Anfang. Ein Anfang aber, der notwendig ist, eben weil die Tatsache, dass er nur Anfang ist, aufzeigt, wieviel Leid noch an empfindsamen Lebewesen produziert wird.

Wir wünschen euch eine gute Konferenz und gehaltvolle Diskussionen.
Freundschaft